Sterbehilfe von Ärzten weit verbreitet

02.03.2016

Sterbehilfe von Ärzten ist in Spitälern offenbar eine gängige Praxis und wird in mehr als 80 Prozent der Fälle vor dem Lebensende praktiziert.

Zu diesem Schluss kommen zwei Studien der Universitäten Zürich und Genf. Sie belegen, dass im Jahr 2013 Deutschschweizer Ärzte in mehr als vier von fünf erwarteten Sterbefällen in verschiedener Form Sterbehilfe leisteten. Am häufigsten fand ein Behandlungsverzicht oder -abbruch sowie die intensivierte Verabreichung von Schmerzmitteln wie z.B. Morphin statt.
Insgesamt waren 71,4 Prozent bzw. 2 256 der untersuchten Todesfälle «nicht plötzlich» und «erwartet». Nur bei 18 Prozent dieser Fälle wurden im Vorfeld keine medizinischen Entscheidungen getroffen, die den Todeseintritt möglicherweise oder wahrscheinlich beschleunigt haben. Bei 70 Prozent der erwarteten Sterbefälle wurde auf weitere Behandlungen verzichtet bzw. eine laufende Therapie abgebrochen. Fast gleich häufig war mit 63 Prozent der Fälle die intensivierte Abgabe von Mitteln zur Schmerz- bzw. Symptomlinderung. In drei Prozent der Fälle war es Suizidbeihilfe, aktive Sterbehilfe auf Verlangen oder sogar ohne ausdrückliches Verlangen des Patienten.
Die Studie legte ein besonderes Augenmerk auf die Frage, wie häufig die Ärzte Patienten und Angehörige bei den Entscheidungen miteinbezogen. Es wurde aufgezeigt, dass es eine bedenkliche Anzahl von Fällen gibt, in denen der Arzt für den Patienten entschied. Dabei spielte es eine Rolle, wie der Arzt die Entscheidungsfähigkeit des Patienten einschätzte.
Bei den nicht urteilsfähigen Patienten wurden nur mit jedem zehnten die getroffenen Entscheidungen besprochen, bei den voll urteilsfähigen Patienten in drei von vier Fällen.
Werden auch Gespräche mit Angehörigen und frühere Willensäusserungen des Patienten berücksichtigt, kommt es bei nicht urteilsfähigen Patienten in vier von fünf Fällen zu einer gemeinsamen Entscheidung und bei voll Urteilsfähigen in neun von zehn Fällen. Georg Bosshard, Leitender Arzt an der Klinik für Geriatrie des UniversitätsSpitals Zürich, sieht hier Verbesserungspotenzial: «Es werden noch einige medizinische Entscheidungen gefällt, ohne dass der Arzt diese mit dem Patienten oder seinem Umfeld vorgängig bespricht. Wenn es gelingt, die Kommunikation zwischen Arzt, Patient und Angehörigen zu verbessern und solch heikle Entscheidungen wann immer möglich gemeinsam zu treffen, führt dies zu einer besseren Situation für alle Betroffenen.» (MD)