Kirchenfunktionäre weit weg von der Realität

03.07.2016

Die katholische Landeskirche fordert in einer „Studie“ mehr Begleitung und Palliativpflege statt „organisierten Suizid“. Ihrer Meinung nach ist vor allem der gesellschaftliche Druck, anderen nicht zur Last zu fallen, verantwortlich für den Zulauf der Selbstbestimmungs-organisationen. Nur: Dass unzumutbares Leiden Auslöser sein kann für den Sterbewunsch, verschweigen sie.

In ihrer Zusammenfassung des Status quo zu den Themen Alter und Sterben kommt die sozialethische Kommission der Schweizerischen Bischofskonferenz zum Schluss: Es sei der gesellschaftliche Druck, anderen nicht zur Last zu fallen, weshalb immer mehr Menschen einer Selbstbestimmungsorganisation wie EXIT beitreten.

Die Kirchenfunktionäre liefern jedoch in ihrer „Studie“ keinen einzigen Beweis, dass dem so wäre. Dieselbe Behauptung hat die Kirche schon vor 35 Jahren vorgebracht, als EXIT gegründet wurde. Seither hat die Anzahl Patienten in der Schweiz, die am Lebensende eine EXIT-Sterbebegleitung in Anspruch nehmen müssen, um ein Prozent zugenommen. Dieser Anstieg verläuft parallel zur deutlich gestiegenen Lebenserwartung. Erreichen immer mehr Menschen ein Alter zwischen 90 und 100, so nimmt auch die Wahrscheinlichkeit für schwere Krankheit und Leiden zu.

Es mutet daher schlicht zynisch an, wenn die „Studie“ aufgrund dieser Tatsachen zum Beispiel empfiehlt, die „Herausforderungen des Sterbens“ anzunehmen oder zu bedenken gibt, dass man bei einer Freitodbegleitung „sich etwas nimmt“, „mit dem man nicht gerechnet hat“.

Denn nicht die moderne Gesellschaft, sondern unzumutbare Leiden am Lebensende lassen manchmal den Wunsch aufkommen, gehen zu dürfen. Und auch wenn das die Kirchenfunktionäre nicht gern hören: Frühere Generationen haben sich vielleicht noch vom Pfarrer sagen lassen, wie lange sie Leiden auszuhalten haben, die heutigen alten Menschen aber sind mündig und entscheiden das selbst zusammen mit ihrem Arzt.